Die „Corona-Krise“ – ein mythenfreier Rückblick

Thomas Maul bringt mit gesundem Menschenverstand die Sache auf den Punkt. Wir sind nicht in einer Pandemie, sondern in einem kollektiv-neurotischen Pandemie-Wahn. Neben Klimaangst und Rassismuswahn ein weiteres Symptom der abendländischen Sinnkrise. Die interessanterweise in den Ländern am wenigsten ausgeprägt ist, die noch vor wenigen Jahrzehnten von totalitären Regimen unterjocht wurden. Diese Leute wissen, was sie an ihrer Freiheit haben. – TB

von der Achse des Guten:

Die „Corona-Krise“ – ein mythenfreier Rückblick

Die absoluten Zahlen der im Zusammenhang mit Corona bestätigten Infektionen und Gestorbenen wurden in der Öffentlichkeit stets gehandelt, als würden sie an und für sich schon etwas bedeuten, gar die Ausrufung eines Katastrophenfalls beziehungsweise gesundheitspolitischen Notstands nationaler Tragweite rechtfertigen, der zugleich auch jede Maßnahme – den zum Wirtschaftslockdown und zur Ausgangssperre eskalierten Imperativ der Kontaktreduktion oder auch die spätere Maskenpflicht – aus sich selbst heraus als alternativlos, zielführend und verhältnismäßig erscheinen ließ.

Wer diese Zahlen dagegen in Relation zu anderen Daten setzte, um sie zu interpretieren und zu beurteilen, geriet unter den Verdacht, in zynischer Absicht Tote ver- oder wegrechnen zu wollen, gar statistisch schönzureden. Ein Vorwurf, der zutrifft, wenn jemand etwa die 20 Opfer eines Terroranschlags mit Verweis auf tausende Verkehrstote relativiert, weil der Unterschied zwischen Mord und Unfall qualitativ ist und nichts mit der Anzahl von Gestorbenen zu tun hat. Warum es aber unmoralisch sein soll, die Opferzahlen von virenbedingten Atemwegserkrankungswellen über die Jahre hinweg zu vergleichen, um die der Gegenwart historisch und sachlich einzuordnen, ist wenig überzeugend. Umgekehrt bezeugt, wer den Grippevergleich von Vornherein zur Verharmlosung erklärt, nur, dass er es ist, der die Grippe verharmlost.

Als virenbedingte Atemwegserkrankung, die für einen gewissen Anteil einer bestimmten Personengruppe tödlich enden kann, hat Corona eine Vorgeschichte, die zu verdrängen schon deshalb nichts nützt, weil die beschworene Gefahr in ihrer Abstraktheit jedes Jahr gedroht hat und künftig drohen wird, die allgemein bleibenden Argumente der Maßnahmenbefürworter in Konsequenz also darauf hinausliefen, die Gesellschaft alljährlich aus Gründen der Prävention in einen mehrmonatigen Ausnahmezustand versetzen zu müssen.

Immer neue Negativ-Rekorde an Winter-Sterbe-Überschuss

Nach Angaben britischer Regierungsorganisationen ist der „5-Jahres-Durchschnitt“ der Wintersterblichkeit seit den 1950ern bis in die 2000er – von Ausnahmen abgesehen – recht kontinuierlich gesunken, was auf „Verbesserungen im Gesundheitswesen“ sowie bei der „Dämmung von Wohnungen“ und auf die „Einführung von Influenza-Impfprogrammen“ zurückgeführt wird. Seit den 2000ern ist allerdings eine Steigerung zu beobachten, die sich in immer neuen Negativ-Rekorden an Winter-Sterbe-Überschuss zeigt.

Auch für Deutschland spricht aus Veröffentlichungen des Robert-Koch-Instituts, dass die durchschnittliche Wintersterblichkeit wieder zunimmt (siehe hier und hier): Die Abstände zwischen schweren Grippewellen mit 15.000 bis 30.000 Übersterblichkeitstoten werden kürzer und die Zahl der Übersterblichkeits-Toten scheint zu wachsen. War die Influenza-Saison 2014/15 laut ECDC (mit Verweis auf Datenerhebungen von EuroMOMO) für Europa mit über 200.000 Übersterblichkeitstoten in der Altersklasse ab 65 die schwerste „seit 5 Wintern“, verzeichnet das Office for National Statistic (ONS) für England und Wales mit 44.000 Winter-Übersterblichkeits-Toten „den höchsten Wert seit 15 Jahren“. Allein für 2015 wurde in Italien mit „54,000 excess deaths […] the highest reported mortality rate […] since World War 2“ festgestellt.

Während die schwere Grippewelle von 2016/17 laut ECDC und EuroMOMO im europäischen Durchschnitt derjenigen von 2014/15 ähnelte – in Deutschland 22.900 gegenüber 21.300 Exzess-Toten (RKI) –, scheint sie in England und Wales milder ausgefallen zu sein. Demgegenüber war die Grippewelle 2017/18 gesamteuropäisch zwar schwer, aber nicht ganz so schwer wie 2014/15 oder 2016/17, während sie nicht nur für Deutschland mit 25.100 Übersterblichkeitstoten (RKI) einen neuen Höhepunkt darstellte. Das ONS skandalisierte die 50.100 Winter-Überschuss-Toten für England und Wales als „highest recorded since winter 1975 to 1976“ (also seit über 40 Jahren).

Vorgänge, die sich nicht restlos erklären lassen

Im Zuge der diesjährigen Corona-Welle waren in England und Wales amtlichen Zahlen nach bis zum 8. Mai 2020 so viele Übersterblichkeitstote zu beklagen wie 2014/15, aber noch nicht so viele wie 2017/18, gleichwohl entwickelte sich schon Mitte März eine allgemeine Panik ob einer sich ankündigenden nie dagewesenen Katastrophe. Inzwischen zeichnet sich ab, dass England und Wales mit um die 55.000 Winter-Überschuss-Toten den Negativ-Rekord von 2017/18 im Jahr 2020 gebrochen haben.

Dies ließe sich dann erneut als schlimmster Winter seit 1975/76 anprangern. Man könnte aber auch sagen, dass sich „lediglich“ der seit den 2000ern festzustellende Aufwärtstrend der saisonalen Sterblichkeit und Übersterblichkeit bestätigt und fortsetzt. 2017/18 gab es 6.000 Tote mehr als 2014/15, 2020 gab es 5.000 Tote mehr als 2017/18. Für Italien, Frankreich und Spanien, deren Regierungen die entsprechenden Daten nicht annähernd so übersichtlich und transparent präsentieren wie die britische, dürfte dieser in Deutschland und UK beobachtete Trend ebenfalls gelten. Auch dort gehören 20.000 bis über 50.000 Winter- und Influenza-Überschuss-Tote seit Jahren zur „Normalität“ ständig neuer Negativ-Rekorde, ebenso wie alljährliche Schlagzeilen zu überlasteten Krankenhäusern und Intensivstationen während schwerer Influenza-Wellen.

Deutschland und einige andere Länder (wie Österreich, Griechenland, Dänemark etc.) erlebten 2020 mit einer geringen beziehungsweise gar keinen Übersterblichkeit eine äußerst milde Grippewelle, Portugal, die Schweiz und die Niederlande dagegen eine schwere, die aber wie in England, Italien, Spanien und Frankreich im Rahmen der Vorjahre (2014/15, 2016/17, 2017/18) verblieb. Die amtlichen Zahlen der Niederlande beispielsweise kreisen für alle drei Saisons um rund 9.000 Überschuss-Tote (siehe hier, hier und hier).

Für Europa insgesamt ist die 2020er-Übersterblichkeit nach EuroMOMO-Daten geringer ausgefallen als 2014/15 und 2016/17 und dürfte ungefähr dem Niveau von 2017/18 entsprechen. In den Vereinigten Staaten von Amerika wird insgesamt weniger los gewesen sein als in Europa. Schon für die Vergangenheit galt, dass ein Land in der einen Saison schwerer betroffen war als das andere und es sich in der folgenden Saison umgekehrt verhalten konnte – Vorgänge, die sich bisher auch rückwirkend nicht restlos erklären und daher im Vorfeld ebenso wenig für künftige Saisons prognostizieren lassen.

Mag sein, dass die je nationale Perspektive herausrechnet, dass die Übersterblichkeit in einigen Gegenden außerordentlich hoch gewesen ist, dies bedeutete jedoch die Ausrufung eines Notstandes nationaler Tragweite, obwohl um eine Handvoll Epizentren wie Bergamo, New York City, Madrid und andere herum nichts Auffälliges geschehen ist, dort also Dinge schiefgelaufen sind, die man schwerlich der Mortalität einer Epidemie in die Schuhe schieben kann, die sich überall sonst als vergleichsweise harmlos erwies.

Verschiedene Methoden bei der Bestimmung

Die Zahlen zu Überschuss-Toten sind mit Vorsicht zu genießen. Zweck der Übersterblichkeitsrechnung ist unter anderem, die im Zuge von Atemwegserkrankungswellen Gestorbenen sichtbar zu machen, die in herkömmlichen Todesursachenstatistiken untergehen, weil klassische Totenscheine WHO-konform nur das Grundleiden erfassen. Es handelt sich um nicht-präzise Schätzungen, wobei sich etwa zwischen einer „kruden“ und einer „konservativen“ Schätzung, wie sie das RKI für Deutschland lange Zeit vorgenommen hatte, schon ab einer Zahl von 20.000 Übersterblichkeitstoten ein Unterschied von über 5.000 auftat.

Auch sind zwischenstaatliche Vergleiche schwierig, weil es verschiedene Methoden bei der Bestimmung der erwarteten Normalsterblichkeit gibt, die bei identischer Gesamtsterblichkeit zu noch größeren Abweichungen bei der Errechnung der Übersterblichkeit führen können. Im Bereich von 50.000 Toten können Angaben zu 10-20 Tausend mehr oder weniger im Vergleich zum Vorjahr oder zu anderen Ländern allein der gewählten Methodik entspringen (1).

Eine grobe Größenordnung für das, was in den letzten Jahrzehnten in den jeweiligen Nationen wie in Europa insgesamt gesellschaftlich als normale Winter- beziehungsweise Influenza-Übersterblichkeit kommuniziert und akzeptiert wurde, liefern diese Zahlen aber allemal. Auch zeigen sie, dass es an einem etwaigen Aufwärtstrend der Wintersterblichkeit bisher ebenso wenig ein politisches wie mediales Interesse gegeben hat wie an der Frage, ob dieser etwas mit Verschlechterungen, gar den Privatisierungen im Gesundheitssektor zu tun haben könnte, denen mittels entsprechender Investitionen und Umstrukturierungen entgegen zu wirken wäre, um die Entwicklung wieder in gewünschte Bahnen zu lenken.

Indirekt, weil beiläufig, klang derartiges in einem Artikel vom 15.3.2020 in der Welt zur Situation in UK an: „Ein Sprecher des Gesundheitsministeriums sagte in der Nacht zum Sonntag, dass“ es darum gehe, „den staatlichen Gesundheitsdienst NHS (National
Health Service) zu entlasten. Der NHS ist chronisch überlastet und marode. Die Mängel im Gesundheitsdienst waren auch zentrales Thema im Wahlkampf.“

„Schwere einer Grippewelle hängt von der Grundimmunität ab“

Die jahrzehntelange Erfahrung mit virenbedingten Atemwegserkrankungswellen lehrte bis März 2020, dass sie selbstlimitierend sind. Das heißt, sie kommen, haben ihren Peak und verschwinden wieder, und zwar ohne die ganze Bevölkerung erfasst zu haben, weil ihre eigenen Auswirkungen das Wachstum begrenzen: Die Erkrankten nehmen sich aus dem Spiel des Infektionsgeschehens, um sich auszukurieren, sie werden – je nach Schwere der Erkrankung – häuslicher, legen sich ins Bett oder müssen gar ins Krankenhaus. Als anschließend immunisiert Genesene blockieren sie mit wachsender Anzahl immer stärker die Ansteckungsausbreitung. Zwei weitere Faktoren minimieren die Gesamtzahl der im Verlauf einer Welle Infizierten je nach Ausprägung zusätzlich: Saisonalität und vorbestehende Immunität.

„Die Grippewellen“, schreibt das Robert-Koch-Institut mit Stand vom 25.09.2019, „unterscheiden sich sehr deutlich darin, wie viele Menschen in einer Saison an Grippe erkranken, wie viele davon im Krankenhaus behandelt werden müssen oder sogar sterben. Besonders viele Menschen werden dann krank, wenn das Virus sich genetisch verändert hat und in der Vorsaison nicht schon ein großer Anteil der Bevölkerung mit dem Virus Kontakt hatte und damit gegen das Virus immun ist. […] Die Schwere einer Grippewelle hängt also wesentlich von der Grundimmunität der Bevölkerung und den jeweils in den Vorjahren zirkulierten Subtypen ab.“

An anderer Stelle heißt es:

„Influenza ist eine Erkrankung, die jedes Jahr in Deutschland große Teile der Bevölkerung (5 – 20%) betrifft.“ Der schwere Krankheitsverlauf, der zum Tode führen kann, ist eine Lungenentzündung. Die „Zahl der Todesfälle kann bei den einzelnen Grippewellen stark schwanken, von mehreren hundert bis über 20.000.“ Das „höchste Risiko für schwere Verläufe und Todesfälle haben ältere Menschen“ mit „vorbestehende[r] Grunderkrankung wie Diabetes oder eine[r] Herz- Kreislauferkrankung“.

Bei den Gefährdetsten wirkt die Impfung am wenigsten

Fassen wir also zusammen: eine Grippewelle gilt als schwer, sobald in ihrem Verlauf viele Menschen erkranken (also eher 20 Prozent als 5 Prozent – und nicht etwa 60 Prozent bis 80 Prozent) und wenn es zu mehreren tausend Exzess-Toten (darunter vornehmlich Alte und Vorerkrankte) kommt. Das passiert, wenn das je aktuelle Virus besonders neu (genetisch mutiert, variiert) und die entsprechende Grundimmunität deshalb geringer ausgeprägt ist. Zur Impfung schreibt das RKI:

„Der Einfluss der Impfung auf den Verlauf und die Schwere einer Grippewelle ist begrenzt. Zum einen ist die Impfquote vergleichsweise gering (etwa ein Viertel der Bevölkerung ist geimpft), und die Wirksamkeit der Impfung ist nicht optimal. […] Bei Untersuchungen zur Wirksamkeit der Impfung waren durchschnittlich 40 bis 60 von 100 geimpften Personen vor einer (labordiagnostisch bestätigten) Grippe geschützt. […] Die Wirksamkeit der Impfung schwankt zudem von Saison zu Saison und ist auch unterschiedlich je nach Alter der Geimpften und Influenzatyp bzw. -subtyp. […] Vor allem Personengruppen, deren Immunsystem schwächer ist – zum Beispiel ältere Menschen – sprechen auf die Impfung weniger gut an.“

Das bedeutet: Bei denen, die am meisten gefährdet sind durch eine Influenza-Infektion, bewirkt die Impfung am wenigsten. Weiter heißt es (nach wie vor Stand 2019): „Dennoch ist die Impfung die wichtigste Maßnahme zum Schutz vor einer Influenza-Erkrankung. […] Zusätzlich zur Grippeschutzimpfung sollten daher weitere Maßnahmen ergriffen werden, um das Ansteckungsrisiko mit Influenzaviren zu verringern. Dazu gehört zum Beispiel das Abstandhalten zu Personen mit Symptomen einer akuten Atemwegserkrankung. Beispielsweise könnten Großeltern den Besuch bei ihren Enkelkindern verschieben, wenn diese gerade eine akute Atemwegserkrankung haben. Regelmäßiges gründliches Händewaschen kann das Risiko einer Atemwegsinfektion ebenfalls vermindern.“

Oder (Stand 19.01.2020): „Die wichtigsten und effektivsten Maßnahmen zum persönlichen Schutz sowie zum Schutz von anderen Personen vor der Ansteckung mit Erregern respiratorischer Infektionen sind eine korrekte Hustenetikette und das Einhalten eines Mindestabstandes (ca. ein Meter) von krankheitsverdächtigen Personen, ergänzt durch eine gute Händehygiene.“

Besonders beherzigen, was man ohnehin tut

Halten wir fest: Etwaige Impfungen und das Einhalten eines Erkältungsknigges im Sozialverhalten – was bewusst oder unbewusst, akribischer oder weniger akribisch ohnehin längst Standard ist – dienen vor allem dem persönlichen Schutz, können auf individueller Ebene das Risiko der Ansteckung für einen selbst beziehungsweise die Nächsten vermindern (nicht ausschalten), was für Ungefährdete eine ganz andere Dringlichkeit hat als für Gefährdete. Impfungen und Verhaltensregeln sind auf statistischer, epidemiologischer Ebene keine relevanten Faktoren für die Frage, ob eine Grippe-Welle eher mild oder schwer ausfällt.

Ob man in die Armbeuge oder in die Hand hustet, wie oft am Tag und wie lang man sich die Hände wäscht, ob man einen Meter oder 1,5 Meter Abstand hält, beeinflusst nicht, ob eher 5 Prozent oder eher 20 Prozent infiziert werden, ob eher hunderte oder 20.000 Menschen mehr sterben, als ohne Grippe-Welle erwartbar gestorben wären. Dass man besonders beherzigt, was man ohnehin tut, einander nicht ins Gesicht zu husten oder zu niesen, macht eine schwere Grippewelle womöglich etwas weniger schwer, eine milde Grippewelle noch etwas milder, entscheidet aber nichts Wesentliches über ihre Verlaufsform. Allein, wenn der neue Erreger hinreichend neu und daher die Grundimmunität schwächer ausgeprägt ist, droht als Worst Case eine eben schwere Grippewelle.

Sukzessiv verstärkende Tendenz zur Übertreibung

Bis in den März 2020 hinein gab es über das neue, Ende 2019 in China entdeckte Coronavirus einen internationalen medizinischen und epidemiologischen Konsens. Es löst wie Influenza bei vielen – nicht bei allen – eine Atemwegserkrankung aus, die sich in klassischen Erkältungs- bis Grippesymptomen zeigt (Husten, Schnupfen, Fieber) und bei der überwältigenden Mehrheit der Betroffenen inklusive der 80-Jährigen mild bis moderat verläuft, die aber auch – ebenfalls wie bei der Influenza – zu einer Lungenentzündung führen kann. Diese ist normal- bis intensivmedizinisch heilbar, endet unter Umständen aber auch tödlich.

Ein nennenswertes, relevantes Risiko für einen schweren Verlauf mit tödlichem Ausgang besteht – wie bei der Influenza – für Menschen ab 65, die zugleich eine oder mehrere schwere Vorerkrankungen haben. Was die Übertragungswege und die Gefährlichkeit für die Bevölkerung betrifft, wurde das neue Coronavirus innerhalb der genetischen, molekularbiologischen Corona-Familie gewissermaßen als große Schwester der bekannten vier inzwischen vergleichsweise harmlosen Corona-Erkältungsviren und als kleine Schwester von SARS und MERS eingeordnet und der Influenza gleichgestellt, was so auch vom Robert-Koch-Institut vertreten wurde.

Daher propagierte man gegen Corona als Schutzmaßnahmen, um das persönliche Ansteckungsrisiko zu minimieren, zunächst die üblichen Gripperegeln (Hustenetikette, Abstand, Händewaschen), dies aber in der bisher unbekannten Intensität einer permanenten und eindringlichen Wiederholung durch Politik und Medien – inklusive einer sich sukzessive verstärkenden Tendenz zur Übertreibung, als deren Gipfel Enkelkinder nicht erst bei Anzeichen akuter Atemwegserkrankungen, sondern bereits als solche zur Todesgefahr für Großeltern stilisiert wurden, und auch Gesunde zueinander auf Abstand gegen sollten.

Von Anfang an äußerst fragwürdig

Ende März 2020 wurde in Deutschland Realität, was relativ plötzlich alle – die Medien, die Experten, die Politik und große Teile der Bevölkerung, insbesondere die akademische Elite – zu wollen schienen: der Ausnahmezustand. Das öffentliche Leben und die Wirtschaft wurden stillgestellt, über die Bevölkerung verhängte man eine Ausgangssperre, die sich „Kontaktsperre“ beziehungsweise „Ausgangsbeschränkung“ nannte. Der gesellschaftliche Notstand war gesundheitspolitisch begründet und irgendwie über das Seuchenschutzgesetz verwirklicht worden.

Während ein als „Gefährder“ eingestufter Salafist im Normalzustand seine
Freiheitsrechte behält, erlaubte der Notstand nicht nur die Zwangsquarantänisierung (also Freiheitsentzug) infektiös Erkrankter, sondern als Prävention auch die Einordnung selbst symptomfreier, ergo gesunder, Menschen als „krankheitsverdächtige Personen“ beziehungsweise potenzielle Seuchenüberträger. Obwohl ein symptomlos Infizierter zwar theoretisch infektiös ist, praktisch aber insofern wie die Immunen eher als Blockierer denn Beschleuniger der Krankheitsverbreitung fungiert, weil er im unwahrscheinlichen Fall einer Ansteckung eine geringere Viruslast weitergibt, die ihrerseits beim Angesteckten in der Regel höchstens milde Symptome auslöst, galt er als größter, weil nicht erkennbarer, „Gefährder“ (quasi als „Schläfer“).

Da man nur Menschen mit Symptomen (und Kontakten zu bestätigten Corona-Fällen) testete, wissen die Gesunden nicht, ob sie trotz der Symptomfreiheit infiziert sind, und könnten, so das Argument, durch leichtfertiges Verhalten das Virus verbreiten. Um dies zu möglichst auszuschließen, wurde das für sich schon ungeheuerliche Misstrauen gegenüber Hustenden auf alle Bürger ausgeweitet, wurde prinzipiell jeder zu einer „krankheitsverdächtigen Person“ erklärt, zu der auf Abstand zu gehen war:

Aus für sich schon etwas übertriebenen Empfehlungen zum persönlichen Schutz sind damit allgemein verbindliche Regeln des Social Distancing geworden, die sich später noch in der medizinisch sinnlosen und schädlichen Maskenpflicht verdichten und versinnbildlichen sollten, in deren braver Verinnerlichung sich ein selbstbewusster und stolzer Untertanengeist ausdrückte.

Der öffentliche Stillstand und die Suspendierung von Bürgerrechten waren natürlich nicht nur hinsichtlich der ökonomischen und rechtlichen Implikationen und Folgen von Anfang an äußerst fragwürdig.

Es ging um alles oder nichts

Auch individual- und massenpsychologisch (gesundheitlich) ist nicht zu verharmlosen, was es mit den Menschen anrichtet, wenn Gesunde einander und jeder sich selbst als krank und als Bedrohungsquelle wahrnehmen, wenn das penible, quasi-schariatische
Beobachten und staatliche sowie gegenseitige Kontrollieren und Belehren hinsichtlich
kleinster Alltagsverrichtungen zur existentialistischen Entscheidung über Leben und Tod, Sein oder Nichtsein aufgeblasen wird.

Die Frage wäre gewesen, um wieviel das Corona-Virus gefährlicher als die Grippe, wieviel Prozent der Bevölkerung bereits infiziert sein müssten – 20 Prozent, 10 Prozent, 5 Prozent, 0,5 Prozent oder 0,05 Prozent? –, um die solcherart gestifteten Selbst- und Binnenverhältnisse der Individuen rechtfertigen zu können und nicht pathologisch oder psychotisch nennen zu müssen. Oder, welche Anforderungen an empirisch-wissenschaftliche Evidenz beim Nachweis des Bedrohungspotenzials, der Infiziertenzahl, der Zweckdienlichkeit und Verhältnismäßigkeit der autoritären Maßnahmen eigentlich zu stellen wären, um plausibel zu machen, dass diese nicht mehr (ökonomischen, rechtlichen, psychologischen, gesundheitlichen) Schaden verursachen als das Virus.

Für die Verteidiger des neuen Todeskultes hatten die erlassenen Maßnahmen außerhalb jeder Diskussion zu stehen. Es ging schließlich um alles oder nichts. Man maße sich als virologischer Laie kein Urteil an. Die Regierung wolle Leben retten. Darum sei jetzt das Wichtigste, die Kritiker der Maßnahmen als gefährliche Verharmloser und Leugner eines anfangs fahrlässig unterschätzten Killervirus anzugreifen, denen das Leben von alten und kranken Menschen nichts bedeutet.

Das Potenzial, Panik- und Lockdowntote zu produzieren

Die sich nach der ersten Märzwoche in Europa exponentiell ausbreitende (mediale) Panik, welche die plötzliche Neubewertung der Gefahrenlage durch Politik und „Wissenschaft“ zu vermitteln schien, die totale gesellschaftliche Mobilmachung, die den Einzelnen in die Pflicht nahm und ihm moralische (Teil-)Verantwortlichkeit für Todesopfer aufbürdete, hatte mit dem realen Verlauf der Pandemie – zumal in Deutschland – relativ wenig zu tun und verdankte sich auch keinem neu erworbenen positiven Wissen über Corona.

Was sich veränderte, war zunächst der Blickwinkel, der bis dahin gewöhnliche Vorgänge als außergewöhnlich katastrophale Ereignisse erscheinen ließ. Es macht, ohne an der Sache etwas zu ändern, einen Unterschied, ob man spärliche Nachrichten von überlasteten Krankenhäusern in Printmedien zur Kenntnis nimmt, oder ob mit Livebildern direkt aus dem Krankenhaus davon berichtet wird und Ärzte sowie Krankenschwestern ihrer Verzweiflung unmittelbar in die Kamera Ausdruck verleihen. Wird man im September 2019 eher beiläufig über 25.100 Grippe-Tote aus dem vorletzten Winter 2017/18 informiert, oder von der WHO über jährlich weltweit bis zu 650.000 Influenza-Tote, löst das weniger Emotionen und Zurschaustellungen von Betroffenheit aus, als wenn jeder neue Corona-Tote auf allen Kanälen in Echtzeit mitgezählt und in den sozialen Medien skandalisiert wird.

Wie (fast) jedes Jahr starben in Italien viele vor allem alte und vorerkrankte Menschen im Zuge einer virenbedingten Atemwegserkrankungswelle. Keineswegs war mit den ersten 1.000 positiv auf Corona getesteten Gestorbenen bereits evident, dass Italien (und später Frankreich und Spanien) eine (vielleicht besonders) schwere Grippewelle mit „normalen“ um die 40.000 Übersterblichkeitstoten (oder mehr) erleben würde – oder gar auf dem Weg in eine Katastrophe sei. Für Deutschland wird – wie erst im Nachhinein festzustellen war – trotz rund 9.000 gezählten Corona-Toten gar keine signifikante Übersterblichkeit zu verzeichnen sein. Richtig ist, dass Mitte März niemand wissen konnte, welchen konkreten Verlauf die Corona-Welle im jeweiligen Land nehmen würde. Die Frage war aber, mit welcher Wahrscheinlichkeit entweder als Worst Case eine schwere Grippewelle drohte oder mit repressiven staatlichen Maßnahmen eine kommende Apokalypse (das mindestens Zehnfache an Toten) zu verhindern war, denen selbst das Potenzial, Panik- und Lockdowntote zu produzieren, innewohnt.

Und hier brach das apokalyptische Bewusstsein des Mainstreams mit allen politischen und wissenschaftlichen Konventionen des Bürgertums. Haben die Kritiker der Maßnahmen naiv und traditionell darauf bestanden, dass staatliche Eingriffe ins Zusammenleben umso besser positiv begründet sein müssten, je einschneidender und drastischer sie sind, dass die Suspendierung von Bürgerrechten und die Gefährdung wirtschaftlicher Existenzen des rationalen und überprüfbaren Nachweises von Zweckdienlichkeit und Verhältnismäßigkeit bedarf, haben die Regierung, ihre Experten und die Anhänger der Corona-Politik ihre Legitimität – soweit sie sich angesichts von Italienbildern und dem Willen zur Lebensrettung nicht ohnehin von selbst verstehen sollte – aus einem (auch noch voller Stolz) behaupteten Nichtwissen beziehen wollen. Die Hofvirologen stellten sich dumm und bedienten das allgemeine Bedürfnis nach der Logik des Zwangsneurotikers: Solange ich nichts weiß, ist schier alles möglich und alles prinzipiell gleich wahrscheinlich, also auch das Allerschlimmste, das ohne Rücksicht auf Verluste zu verhindern ist. Dagegen war dann kein Ankommen mehr.

Neuartig war nicht Corona selbst, sondern der Umgang damit

Einer Überlegung des Empiristen David Humes zufolge, die er im Zusammenhang seiner Erkenntnistheorie anstellt, lässt es sich streng genommen nicht beweisen, dass die Sonne auch morgen wieder aufgehen wird. Da sie aber aller Erfahrung nach in der Vergangenheit jeden Tag aufgegangen ist, scheint es für die kurzfristige Alltags- und langfristige Lebensplanung pragmatisch sinnvoll zu sein, gewohnheitsmäßig mit dem täglichen Sonnenaufgang auch künftig zu rechnen. Allein, dass ich nicht hundertprozentig ausschließen kann, dass die Sonne morgen auch nicht aufgehen könnte – das genügt nicht, um folgenreiche lebenspraktische Konsequenzen zu ziehen und all mein Handeln auf die rein theoretische Möglichkeit einer nicht mehr aufgehenden Sonne auszurichten. Um das zu tun, bräuchte es überzeugende positive Indizien für ein Ereignis, das der bisherigen Erfahrung zuwiderläuft.

Im Zeichen Coronas wurde mit dieser so grundlegenden wie banalen Haltung der Welt gegenüber systematisch und an allen Fronten Schluss gemacht. Neuartig war nicht Corona selbst, sondern der Umgang damit. Zu keinem Zeitpunkt gab es beispielsweise positive Indizien dafür, dass sich das Virus in Form einer Schmierinfektion übertragen würde und selbst noch, als es erste positive Indizien dafür gab, dass es dies definitiv – jedenfalls in relevanter Weise – nicht tue, wurde mit dem Argument, es weiterhin nicht hundertprozentig ausschließen zu können, desinfiziert, was das Zeug hält. Oder: keine Andeutung einer zweiten Welle in der Empirie, aber weil es theoretisch nicht auszuschließen ist, bitte praktisch so verhalten, als drohe sie tatsächlich. Zwischen Leuten, die diesen Bruch mit bewährten Konventionen vollzogen haben, und Leuten, die sich ihm verweigerten, war eine Diskussion zur Sache unmöglich geworden, vor allem, solange die Differenz des „metatheoretischen“ Weltverhältnisses unbewusst blieb.

Beliebte Milchmädchen-Hochrechnung

Entscheidend war, dass das Corona-Virus plötzlich neuer als neu sein sollte und deshalb nicht mehr auszuschließen war, dass die von der Epidemiologie jahrzehntelang erforschten und sich bestätigenden Gesetze der Atemwegserkrankungswellen von Corona vollumfänglich außer Kraft gesetzt werden. Wiewohl die Impfung keinen relevanten Einfluss auf den Schweregrad einer Grippewelle hatte, sollte ein mangelnder Impfstoff gegen Corona plötzlich für die Anbahnung einer Katastrophe sprechen. Wiewohl zahlreiche Menschen (wie etwa die Hälfte der 80-Jährigen auf der Diamond Princess) von der Infektion nichts bemerkten und sehr viele Infizierte nur milde Symptome ausbildeten, sollte nicht auszuschließen sein, dass es womöglich gar keine Formen von Vorimmunität in der Bevölkerung gäbe.

Theoretisch denkbar, dass auch Genesene anschließend nicht immun sind und das neue Coronavirus im Unterschied zu den bekannten Corona- und Influenzaviren frei von Saisonalität ist. Insgesamt also, auch wenn nichts darauf hindeutete, nicht auszuschließen, dass ohne jede Selbstlimitierung und Beschränkung mehr als 5–20 Prozent der Bevölkerung infiziert werden, wenn diese völlig neue Atemwegserkrankungswelle ungebremst von radikalen Staatsmaßnahmen ihren Peak nimmt und wieder abflaut. So begann länderübergreifend die blanke Spekulation zu kursieren, 60–70 Prozent müssten sich infizieren, um eine „Herdenimmunität“ aufzubauen, woraus erst die Befürchtung, dann die Gewissheit wurde, dass während einer Saison 80 Prozent sich infizieren könnten beziehungsweise würden, wenn der Staat nicht massiv eingreift.

Schon die beliebte Milchmädchen-Hochrechnung ergab dann selbst bei Unterstellung der niedrigen Grippeletalität von 0,1 oder 0,2 Prozent für 80 Prozent von 83 Millionen Deutschen 66.400 oder 132.800 Tote, deren Vervielfachung man sich leicht vorstellen kann, wenn im Rahmen eines exponentiellen Infektionswachstums – das es nicht gab, weil lediglich die Anzahl der Tests exponentiell anstieg, nicht aber der prozentuale und stets niedrige Anteil positiver Ergebnisse – zu viele gleichzeitig Erkrankte die Kapazität des Gesundheitssystems sprengen.

Zum selben Ergebnis kamen denn auch die ungleich komplexeren SEIR-Modelle der apokalyptisch gestimmten Epidemiologen vom RKI oder des britischen Imperial College, die mit zahlreichen bekannten und unbekannten Parametern zum Infektions- und Genesungsverlauf bestückt sind und nicht nur die Anzahl von Intensivbetten, sondern auch die Dauer ihrer Belegung sowie die Intensität von Maßnahmen mit einbeziehen. Bei Annahme eines Reproduktionsfaktors von mindestens 2 und einer Letalität von 0,57 Prozent für alle durchgespielten Verläufe fußten die Worst-Case-Szenarien, bei denen sich 80 Prozent der Bevölkerung infizieren, auf dem Herausnehmen der Faktoren Saisonalität und Vorimmunität aus der Gleichung, so dass ohne gravierende Maßnahmen 500.000 bis 1,2 Millionen Tote zu erwarten gewesen wären. Die zwar indizienfreie, aber umso zwangsneurotischere Setzung, dass diesmal (mit einem unheimlichen Virus aus China!) alles ganz anders kommen könnte als in den letzten Jahrzehnten, zog immer mehr Menschen in ihren Bann.

Noch kein Indiz für eine Katastrophe

Inzwischen wird hier und da – mit fast unschuldigem Achselzucken (zum Beispiel Drosten!) – eingestanden, dass es Vorimmunität und Saisonalität wohl doch gegeben hat und damit Fehleinschätzungen vorgenommen worden seien, über die man sich im Nachhinein aber nicht besserwisserisch und rechthaberisch erheben dürfe, weil man hinterher immer schlauer sei. Der Punkt ist aber nicht, dass man damals hätte wissen müssen, dass auch die Corona-Welle ihre selbstlimitierenden Momente haben, dass also etwas zeitversetzt zum Abflauen der Neuinfektionskurve (schon vor dem Lockdown) auch die Sterblichkeit (unabhängig vom Lockdown) wieder abnehmen wird.

Der Punkt ist, dass von dieser jahrzehntelangen Erfahrung schlicht auszugehen gewesen wäre, bis überprüfbare Hinweise es erfordern, das Grundwissen über den Verlauf respiratorischer Infektionen in menschlichen Gesellschaften – der sich von der Virenverbreitung in Computernetzwerken radikal unterscheidet – über Bord zu werfen und nach Maßgabe des denkbar Schlimmsten übervorsichtig zu handeln, das rein theoretisch immer eintreten kann. Vor keiner Influenza-Saison sind die Gefährlichkeit der neuen Virusvariation, die Verteilung der Grundimmunität und die zu erwartende Hospitalisierungsrate genauestens bekannt. Allein, dass in zunächst Italien, Spanien und Frankreich gestorben wurde – mit dramatischen Bildern der Verzweiflung aus überforderten Krankenhäusern –, war eben noch kein Indiz für eine den Erfahrungshorizont sprengende Katastrophe, zumal alle parallel erhobenen Daten, die Anlass zur Entwarnung gaben beziehungsweise auf verbreitete Immunität hindeuteten, systematisch ausgeblendet wurden.

Dass von einer gefährlichen Pandemie jenseits überschaubarer Epizentren in Europa und den USA nichts zu spüren war, deuten Regierungsanhänger gerne als Erfolg der präventiven Anti-Corona-Maßnahmen. Im europäischen Ländervergleich lässt sich jedoch kein überzeugender Zusammenhang zwischen Zeitpunkt sowie Härtegrad der Maßnahmen und dem Sterbegeschehen aufzeigen, etwa nach dem Motto, je früher und strikter die Maßnahmen, desto weniger Tote. Auch umgekehrt hat Belarus mit dem niedrigsten (noch weit unter Schweden rangierenden) Stringency Index keine Katastrophe erlebt. Die Welle flaute weltweit weitgehend vor den Maßnahmen schon ab und endet auch unabhängig von den „Lockerungen“.

Ausgehend vom bis März 2020 gültigen epidemiologischen Grundwissen hätte klar sein können: Via Lockdown und Suspendierung von Bürgerrechten wird mit Kanonen auf Spatzen geschossen. Weil diese Maßnahmen weder zielführend noch verhältnismäßig waren, dürften die rechtlichen, wirtschaftlichen, psychologischen und gesundheitlichen Kollateralschäden der Panikmache größer gewesen sein als ihr Nutzen in Hinblick auf die „Lebensrettung“. Mit den Stichworten „(1) Isolation Erkrankter, (2) Absonderung von Kontaktpersonen Erkrankter und (3) Kontaktreduktion in der Gesamtbevölkerung“ wurden per Notstand Verhaltensweisen ohne jedes Maß forciert und unter Zwängen auf Gesunde ausgeweitet, die sich die Menschen in Maßen und freiwillig während grassierender Atemwegserkrankungen sowieso zu eigen machen.

Für die Mehrheit der Bevölkerung war eine relevante „Kontaktreduktion“ überdies zwar möglich, aber sinnlos, weil sie individuell und gesellschaftlich bewährte Prozesse untergrub: in Auseinandersetzung mit in der Regel eben nicht tödlichen, aber jährlich zirkulierenden Virenvariationen Immunität aufzubauen. Für die Zugehörigen der Risikogruppe war schon die Idee der Kontaktreduktion geradezu eine Verhöhnung der Realität, dass sich das Leben von 80-Jährigen mit Vorerkrankungen meistens nicht durch überbordende Sozialkontakte auszeichnet. Selbst da, wo die Isolation in Krankenhaus oder Pflegeheim (noch) nicht gegeben ist, haben sich die Kontakte häufig bereits auf wöchentliche Treffen mit verbliebenen Freunden sowie Besuche durch pflichtschuldig engagierte Verwandte reduziert, gehören häufige Messe-, Konzert- und Clubbesuche jedenfalls nicht mehr zur Teilnahme am öffentlichen Leben.

Kontakte zu Pflegekräften lassen sich von Vornherein nicht reduzieren und/oder distanzieren, ohne dass die Pflege substanziell darunter leidet. Statt Alte und Kranke also zulasten ihrer Lebensqualität noch mehr zu isolieren und vom gesellschaftlichen Leben abzuschneiden, als sie es ohnehin schon sind, hätte eigentlich ein anderes Schutzverständnis nahegelegen, nämlich unter der Prämisse, zu akzeptieren, dass es sich nicht vollständig wird vermeiden lassen, dass sich der eine oder andere anstecken und unter Umständen sterben wird, etwa folgende Doppelstrategie: per Güterabwägung aufeinander abgestimmt einerseits das Beste dafür tun, das Ansteckungsrisiko zu minimieren (statt sich ins unrealistische Ziel der Ausschaltung jedes Risikos zu verrennen) und andererseits für den Fall der Ansteckung das Immunsystem zu stärken (Bewegung, frische Luft, Ernährung und eben Sozialkontakte als Bedingung von Lebensfreude), statt es durch die Folgen der Isolation (weniger Bewegung, weniger frische Luft und Licht, mehr Depression und Einsamkeit, gar Nachlassen der gesundheitlichen Betreuungsintensität) auch noch zu schwächen.

Wer für die Güterabwägung und die Entwicklung praktikabler und zielgerichteter Konzepte zum Schutz der Hauptrisikogruppe überhaupt Experten benötigt, wäre glaubwürdiger gewesen, hätte er Ratschlag bei Lungenärzten, Palliativmedizinern, Psychologen, Soziologen und vor allem Pflegefachkräften eingeholt und auf die Bedürfnisse der Betroffenen wie ihrer Angehörigen Rücksicht genommen, statt bei einschneidenden und folgenreichen Eingriffen in komplexe gesellschaftliche Zusammenhänge die täglich wechselnde Meinung von Tierärzten, Laborvirologen und anderen Impfstoff- und Testentwicklern absolut zu setzen.

Anmerkungen

(1) Da wäre zunächst die Frage, welcher Zeitraum betrachtet wird. Konzentriert man sich allein auf die Wochen des akuten virenbedingten Sterbens, ist die geschätzte Übersterblichkeit höher, als wenn man (wie beispielsweise das ONS) unmittelbar vorangehende und nachfolgende Wochen mit eventueller Untersterblichkeit einbezieht, also den ganzen Winter oder gar das ganze Jahr auswertet. Auch die Baseline, also die Normalsterblichkeit, von der ausgehend Über- und Untersterblichkeit sich ergeben, kann unterschiedlich gebildet werden. Nimmt man als erwartete Sterblichkeit die Durchschnittswerte jener letzten Jahre, in denen es keine schwere Grippewelle gab, erhält man eine höhere Übersterblichkeit als beim Maßstab der Durchschnittssterblichkeit der unmittelbar letzten drei oder fünf Jahre, weil in dem Fall vorangegangene Grippe-Übersterblichkeiten den erwarteten Durchschnitt schon angehoben haben. Schließlich macht es einen Unterschied, ob man von der wie auch immer ermittelten Baseline (Linie) als solcher ausgeht, oder ob man einen als normal geltenden (flächigen) Abweichungsbereich (normal range) hinzufügt, demzufolge je 7 Prozent mehr oder weniger Tote denn „erwartet“ noch als übliche statistische Oszillation gelten.

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google photo

You are commenting using your Google account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s